Die Georg-August-Zinn-Schule Reichelsheim (GAZ) war erstmals beim RYLA-Seminar des Rotary-Distrikts 1860 vertreten. Nach einem schulischen Auswahlverfahren durften wir, Ezgi Sahan und Kimberly Bendl, unsere Schule vom 7. bis 9. November 2025 in der Europäischen Akademie Otzenhausen im Saarland repräsentieren. Gemeinsam mit jungen Erwachsenen aus ganz Deutschland nahmen wir an einem intensiven Seminar zum Thema „Der Zusammenbruch der regelbasierten Weltordnung?! Chancen und Risiken für Europa“ teil.
Schon zu Beginn wurde uns klar, dass das Seminar weit mehr sein würde als eine reine Wissensveranstaltung: Es wollte uns zum kritischen Denken anregen. Begrüßt wurden wir von Phillip, Rémi und weiteren Vertreterinnen und Vertretern des Rotary Clubs, die uns einen Überblick über die Ziele des Wochenendes gaben. Im Zentrum stand, den Zustand der internationalen Ordnung besser zu verstehen, zentrale Mechanismen globaler Politik kennenzulernen und gemeinsam Ideen dafür zu entwickeln, wie Europa in unsicheren Zeiten handlungsfähig bleiben kann.
Die Europäische Akademie Otzenhausen (EAO) bot für diese Auseinandersetzung ideale Bedingungen. Die moderne Bildungsstätte liegt inmitten des Hunsrücks, ausgestattet mit vielseitigen Seminarräumen, Unterkünften und offenen Begegnungsbereichen. Ihr Selbstverständnis als Ort des Dialogs und der politischen Bildung war während des gesamten Wochenendes spürbar. Das professionelle Umfeld, die ruhige Lage und die internationale Ausrichtung machten es uns leicht, uns sowohl fachlich als auch persönlich zu öffnen.
Das Seminar war klar strukturiert und inhaltlich anspruchsvoll. In mehreren Workshops beschäftigten wir uns intensiv mit den Grundlagen und Herausforderungen der internationalen Politik. Unsere inhaltliche Reise begann mit einer Einführung in das Völkerrecht, das die Basis der regelbasierten Weltordnung bildet. Gemeinsam erarbeiteten wir, welche Bedeutung internationale Normen, Verträge und Abkommen besitzen und wo ihre Grenzen liegen, insbesondere dann, wenn Staaten sich bewusst über sie hinwegsetzen.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage nach den Akteuren der Weltpolitik. Während früher fast ausschließlich Staaten die zentralen Rollen einnahmen, treten heute zunehmend internationale Organisationen, nichtstaatliche Akteure, wirtschaftliche Großmächte und globale Netzwerke auf den Plan. Wir diskutierten, wie diese Vielfalt die Stabilität, Machtverteilung und Konfliktlösung im internationalen System beeinflusst.
Ein dritter Themenblock widmete sich den Institutionen der internationalen Ordnung, darunter den Vereinten Nationen, der Europäischen Union und regionalen Bündnissen. Wir lernten ihre Funktionsweisen, Stärken und Schwächen kennen und setzten uns damit auseinander, wie belastbar sie in Krisenzeiten sind. Besonders intensiv diskutierten wir über die Zukunftsfähigkeit dieser Institutionen angesichts geopolitischer Spannungen, territorialer Konflikte, wirtschaftlicher Abhängigkeiten und globaler Herausforderungen wie Migration oder Klimawandel.
Im weiteren Verlauf arbeiteten wir in Kleingruppen an Projektideen, die reale Lösungsansätze für globale Herausforderungen entwickeln sollten. Unsere Gruppen beschäftigten sich mit Themen wie europäischer Zusammenarbeit, friedenspolitischen Strategien, der Stärkung internationaler Organisationen und neuen Formen diplomatischer Kommunikation. Die Präsentationen am Ende zeigten eine beeindruckende Vielfalt von innovativen Bildungsprojekten bis hin zu digitalen Austauschplattformen. Diese Kreativität verdeutlichte uns, wie aktiv junge Menschen sich in gesellschaftliche Fragen einbringen wollen und wie gut sie in der Lage sind, komplexe politische Zusammenhänge zu verstehen.
Der Höhepunkt des Seminars war eindeutig das fünfstündige Simulationsspiel des UN-Sicherheitsrats. Jede von uns übernahm die Rolle eines bestimmten Staates mitsamt dessen Interessen, außenpolitischen Linien und internationalen Beziehungen. In intensiven Debatten, Verhandlungen und Gesprächen versuchten wir, Resolutionen zu formulieren, Mehrheiten zu finden und Kompromisse auszuhandeln. Dabei erfuhren wir aus erster Hand, wie komplex internationale Entscheidungsprozesse sind: nationale Interessen, geopolitische Rivalitäten und diplomatische Balanceakte bestimmten die Dynamik der Simulation. Diese Erfahrung machte uns bewusst, wie anspruchsvoll und gleichzeitig wichtig internationale Kooperation ist.
Neben den intensiven Lernphasen bot das Seminar auch viel Raum für persönlichen Austausch. Abends trafen wir uns in den Aufenthaltsbereichen der Akademie zu Gesprächen über Politik, Lebenswege, Zukunftspläne und gemeinsame Interessen. Dabei entstanden neue Freundschaften, die weit über das Seminar hinausgehen.
Für uns beide war dieses Wochenende besonders bereichernd. Wir erhielten nicht nur tiefgehende Einblicke in internationale Politik, sondern sammelten auch wertvolle Erfahrungen im professionellen Austausch und knüpften zahlreiche neue Kontakte. Wir kehrten mit dem Gefühl zurück, politisch ein Stück gewachsen zu sein.
Als das Seminar am Sonntag endete, blickten wir auf drei Tage voller intensiver Arbeit, spannender Diskussionen, neuer Erkenntnisse und gemeinschaftlicher Erlebnisse zurück. Wir verließen die Europäische Akademie Otzenhausen mit einem klareren Verständnis für die Herausforderungen unserer Zeit und mit dem Bewusstsein, dass die regelbasierte Weltordnung zwar unter Druck steht, aber durch engagierte, informierte und verantwortungsbewusste Menschen erneuert und mitgestaltet werden kann.
Das RYLA-Seminar hat uns eindrucksvoll gezeigt: Wir wollen nicht nur zuschauen, wir wollen mitdenken, mitdiskutieren und die Zukunft Europas aktiv mitgestalten.
Bericht: Ezgi Sahan und Kimberly Bendl